Eine Recherche über Medienmacht, politische Interessen und Normalisierung

„Please Stärke
die AfD?

Wie Springer den Kanzler zum Problem erzählt, gegen die Brandmauer anschreibt – und warum eine radikale Rechte für sehr unterschiedliche Machtinteressen nützlich werden kann.

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Der Ausgangspunkt

Im März 2026 sagt Friedrich Merz einen Satz, der größer ist als die Aufmerksamkeit, die er bekommt.

Der Bundeskanzler werde keine andere Mehrheit mit der AfD suchen – auch dann nicht, wenn er dazu inzwischen aus „einzelnen Verlagshäusern“ aufgefordert werde.

Wenige Monate später wissen wir: Mathias Döpfner und Friedrich Merz haben über genau diese Frage gesprochen.

01 / Der Satz

Wer wollte andere Mehrheiten?

Ein Bundeskanzler erklärt öffentlich, dass Verlagshäuser offenbar auf eine Veränderung der politischen Machtarchitektur drängen.

Merz nennt keinen Verlag. Keinen Namen. Keine Drohung.

Aber sein Satz setzt eine Frage in die Welt:

Wer fordert den Kanzler auf, Mehrheiten mit der AfD neu zu denken?

Dann taucht ein Name auf: Mathias Döpfner.

Macht · Medien · Kanzleramt
POLITIK Andere Mehrheiten?
AFD Die Grenze wird verhandelt
MEDIENMACHT Wer setzt den Rahmen?
KANZLERAMT Merz sagt Nein
02 / Die Gespräche

Zwei Gespräche. Dementis. Eine Bestätigung.

Zunächst entstehen spektakuläre Berichte über die Gespräche zwischen Döpfner und Merz. Von Druck ist die Rede. Angebliche wörtliche Zitate werden veröffentlicht.

Axel Springer widerspricht. Teile der Berichterstattung werden korrigiert.

Doch der Kern bleibt:

Springer bestätigt zwei Gespräche zwischen Döpfner und Merz über den Umgang mit der AfD.

Der entscheidende Konflikt ist damit öffentlich.

Und die interessantere Geschichte spielt sich danach ohnehin nicht mehr hinter verschlossenen Türen ab.

Sie steht bei BILD und WELT.

Chronologie
Merz spricht von „Verlagshäusern“ Der Kanzler hält an der Abgrenzung zur AfD fest.
Döpfner taucht in der Recherche auf Journalisten rekonstruieren Gespräche und einen politischen Dissens.
Springer widerspricht Zuspitzungen Angebliche Originalzitate halten nicht.
Zwei Gespräche werden bestätigt Begegnungen und Thema sind real.
Dann beginnt die publizistische Analyse Und sie zeigt ein Muster.
03 / Der Kanzler auf Abruf

Wie aus Problemen eine Figur wird.

Friedrich Merz hat reale politische Probleme. Aber ein Problem und die Bedeutung, die ihm gegeben wird, sind nicht dasselbe.

Zunächst ist Merz unbeliebt. Dann verändert sich die Frage.

Nicht mehr nur: Wie schlecht sind seine Werte?

Sondern:

Wer könnte ihn ersetzen?

BILD bringt einen „Kanzlertausch“ ins Spiel. Hendrik Wüst wird zur Alternative. WELT beschäftigt sich mit einem möglichen Wechsel und erklärt, wie er verfassungsrechtlich funktionieren könnte.

Dann folgt die nächste Stufe.

Aus Personalproblemen wird Kontrollverlust.

Aus Kritik innerhalb der CDU wird Autoritätsverlust.

Aus unterschiedlichen Sachkonflikten wird Regierungsversagen.

Und schließlich:

„Droht Merz’ Ende?“

Das Ergebnis ist eine Dramaturgie:

Unbeliebtheit → Führungsschwäche → Kontrollverlust → Autoritätsverlust → Regierungsversagen → Ablösung.

Die Verdichtung
WELT Merz bleibt Letzter im Politiker-Ranking
BILD / DEBATTE Kanzlertausch?
BILD Es kommt etwas ins Rutschen in der CDU
BILD Es ist ein Desaster
WELT TV DROHT MERZ’ ENDE?
Popularität → Kontrolle → Autorität → Regierungsfähigkeit → Ablösung
Die Analyse

Medien berichten nicht nur über Macht. Sie verteilen Macht.

Wer eine Panne „Kontrollverlust“ nennt, macht aus einem Ereignis eine Eigenschaft.

Wer eine Spekulation „Kanzlerfrage“ nennt, zwingt ein ganzes politisches System, auf diese Möglichkeit zu reagieren.

Merz soll irgendwann nicht mehr nur Probleme haben.

Er soll das Problem sein.

04 / Vier Worte

„Please Stärke die FDP.“

Wer Mathias Döpfners Rolle verstehen will, kommt an einer Nachricht aus dem Jahr 2021 nicht vorbei.

Kurz vor der Bundestagswahl schreibt Döpfner dem damaligen BILD-Chefredakteur Julian Reichelt:

„Please Stärke die FDP.“

Interessant ist nicht nur die FDP.

Interessant ist das Verb.

Stärke.

Darin steckt eine Vorstellung davon, was publizistische Macht sein kann:

Nicht nur beobachten. Nicht nur kommentieren.

Sondern politische Kräfteverhältnisse beeinflussen.

Deshalb lautet die heutige Frage:

Erzeugen Springers Medien eine politische Wirklichkeit, in der die AfD stärker und ihre Einbindung wahrscheinlicher wird?
Nachricht · 2021
Please Stärke die FDP.
2026:
„Please Stärke die AfD?
05 / Das Netzwerk

Vier Formen von Macht.

Dann führt die Recherche aus den Redaktionen hinaus.

Zu Peter Thiel. Zu Moritz Döpfner. Zu Jens Spahn. Zu Palantir. Dialog. Founders Fund. Döpfner Capital.

Der interessante Punkt ist nicht eine geheime Kommandozentrale.

Interessant ist die Überlagerung von:

Medienmacht.
Kapitalmacht.
Technologiemacht.
Zugangsmacht.

Peter Thiel formulierte bereits 2009 einen fundamentalen Konflikt zwischen seinem Freiheitsverständnis und demokratischer Mehrheitsentscheidung.

2026 zeichnet Axel Springer ihn als „Vordenker“ aus.

Moritz Döpfner arbeitete bei Thiel Capital. Später investieren Döpfner Capital und Thiels Founders Fund beide in Stark Defence.

Jens Spahn wiederum nahm mehrfach an Veranstaltungen des von Thiel mitgegründeten Dialog-Netzwerks teil und wirbt politisch für Palantir-Technologie.

Medien · Kapital · Technologie · Politik
PETER THIEL MORITZ DÖPFNER JENS SPAHN MATHIAS DÖPFNER KAPITAL PALANTIR POLITIK / STAAT
06 / Jens Spahn

Wer zuerst erzählt, setzt den Frame.

Bei Jens Spahn wird Zugangsmacht praktisch sichtbar.

Seine Vaterschaft durch eine Leihmutter gerät in Konflikt mit der politischen Position seiner Partei.

Wer erzählt die Geschichte zuerst?

BILD.

Und der erste Frame lautet nicht: politische Glaubwürdigkeitskrise.

Sondern: Liebe. Familie. Vaterschaft. Glück.

Als die politische Kritik wächst, folgt die nächste große Erklärung erneut im Springer-Umfeld:

„Jetzt spricht Spahn.“

Zugangsmacht bedeutet nicht, einen Politiker retten zu können.

Spahn tritt am Ende als Fraktionschef zurück.

Zugangsmacht bedeutet: eine bessere Chance zu besitzen, die erste Bedeutung einer Krise zu setzen.

1 · Exklusiv Familie.
Liebe.
Vaterschaft.
2 · Politische Reaktion Glaubwürdigkeitsfrage.
3 · BILD / Ronzheimer „Jetzt spricht Spahn.“
4 · Folge Rücktritt.
Neue Merz-Krise.
07 / Die Brandmauer

Dann wird nicht mehr die AfD zum Problem erklärt.

Sondern die Grenze, die sie von politischer Macht fernhalten soll.

BILD-Chefredakteurin Marion Horn:

„Wann begreifen die endlich, dass die Brandmauer nur die AfD schützt?“

Deutschland brauche einen „Befreiungsschlag“.

Wenig später:

„Die Brandmauer lähmt unser Land.“

Bei WELT:

„Die Brandmauer ist gescheitert.“

Ein weiterer Beitrag:

„Das Hauptproblem der Union ist die Brandmauer.“

Damit wird die politische Beweislast umgekehrt.

Vom Schutzmechanismus zum Problem
Abgrenzung
Selbstverpflichtung
Schutz
Grenze
„nur die AfD schützt“
„gescheitert“
„lähmt unser Land“
„unregierbar“
Mehrheiten?
Brandmauer
Pragmatismus
Wählerwille
Tolerierung
Sachfrage
Bürgerliche Mehrheit
Warum nicht?
Normalisierung
Anschlussfähigkeit
Kooperation
Macht
Der zentrale Zusammenhang

Der Mann, der an der Grenze festhält, wird als politisch gescheitert erzählt.

Die Grenze, an der er festhält, wird ebenfalls als politisch gescheitert erzählt.

Merz wird zum Problem.
Und die Brandmauer wird zum Problem.

Der letzte Satz muss irgendwann kaum noch ausgesprochen werden:

Dann muss sich etwas ändern.

08 / Cui bono?

Die AfD muss nicht das Ziel sein.

Sie kann der Hebel sein.

Politische Akteure müssen nicht dieselbe Welt wollen, um von derselben Verschiebung profitieren zu können.

Der eine will weniger Regulierung. Der andere weniger Klimapolitik. Ein dritter geringere Steuern. Ein weiterer mehr private Technologie.

Jemand möchte Mehrheiten ohne SPD und Grüne. Jemand anderes öffentliche Institutionen schwächen.

Die Motive unterscheiden sich.

Eine starke AfD verschiebt den politischen Raum nach rechts.
Kapital
weniger Regulierung

Mehr private Gestaltungsmacht, geringere politische Begrenzung.

Tech
mehr Infrastrukturmacht

Private Systeme werden Teil staatlicher Handlungsfähigkeit.

Konservative Politik
Mehrheiten rechts der Mitte

SPD und Grüne verlieren parlamentarische Schlüsselpositionen.

AfD
Normalisierung

Aus Ausgrenzung wird Sachfrage. Aus Sachfrage wird Machtoption.

Die Erkenntnis

Vielleicht ist unsere Vorstellung von Macht zu kindlich.

Wir suchen immer die Mail. Den Befehl. Die Kommandozentrale.

Dabei braucht strukturelle Macht keinen Masterplan.

Der Medienunternehmer verfolgt seine politischen Vorstellungen.

Der Investor seine Rendite.

Der Tech-Konzern seine Märkte.

Der Politiker seine Macht.

Die AfD ihre Normalisierung.

Jeder zieht aus einem anderen Grund. Und trotzdem bewegt sich das Seil in dieselbe Richtung.

09 / Der Hugenberg-Irrtum

„Wir können die Radikalen benutzen.“

Fast hundert Jahre zuvor verbindet Alfred Hugenberg Medienmacht, Wirtschaftsmacht und Parteipolitik.

Hitler und die NSDAP sind für ihn zunächst nicht das Ziel.

Sie sind politisch nützlich.

Die Radikalen bringen Mobilisierung und Massen.

Hugenberg bringt Medien, Geld, gesellschaftlichen Zugang und politische Legitimation.

Wenige Jahre später glauben konservative Eliten, Hitler in eine Regierung einbinden und kontrollieren zu können.

Die Radikalen bringen die Masse.
Wir behalten die Kontrolle.

Diese Rechnung hält nicht.

1929

Der Hebel verändert die Kräfteverhältnisse.

Wer einer radikalen Bewegung Legitimität, Reichweite und politische Anschlussfähigkeit verschafft, entscheidet später nicht mehr allein darüber, wohin diese Macht führt.

10 / Unvermeidbarkeit

Die gefährlichste Erzählung kommt am Ende.

„Uns bleibt leider nichts anderes mehr übrig.“

Die AfD hat 30 Prozent. Oder 35. Oder 40.

Wie lange kann man diese Wähler noch „ignorieren“?

Wie sollen stabile Regierungen ohne sie funktionieren?

Irgendwann, heißt es dann, müsse man „die Realität anerkennen“.

Genau hier ist die Normalisierung abgeschlossen.

Niemand wird von Mathematik gezwungen, mit der AfD zu regieren.
Aus dem
Undenkbaren
wird das
Vernünftige.

Aus dem Vernünftigen
das Unvermeidbare.
Recherche & Methodik

Was diese Geschichte untersucht

Grundlage sind die chronologische Analyse der Berichterstattung von BILD und WELT über Friedrich Merz, die öffentliche Debatte über die Brandmauer, dokumentierte Aussagen und Gespräche sowie Recherchen über Verbindungen zwischen Medien-, Kapital-, Technologie- und Zugangsmacht.

Benjamin Schwarz · Wandel & Wirkung